Die Thor Heyerdahl ist ein traditionelles Segelschiff. Nur besteht ihre Mannschaft zum Großteil nicht aus gestandenen Seeleuten, sondern aus Jugendlichen.
Der Kapitän erzählt von einem besonderen Projekt.

Es gibt zwei Typen von Kapitänen: machtbesessene Monster und die strenge, aber gerechte Vaterfigur. Kapitän Ahab, Wolf Larsen, Captain Bligh oder James Cook sind die Bösen, Lord Nelson und Horatio Hornblower die Guten. Detlef Soitzek, Kapitän der Thor Heyerdahl ist ein Hornblower: Groß, kräftig und mit einem Lächeln um die Lippen, strahlt er etwas aus, das schwer zu beschreiben ist. Im Notfall würde man ihm bedingungslos folgen.
Klassenzimmer unter Segeln
Sein Schiff, die Thor Heyerdahl, ist ein Dreimast-Toppsegelschoner, ein traditionelles Segelschiff und Schulschiff der besonderen Art. Mit dem erlebnis-
pädagogischen Projekt "KUS - Klassen-immer unter Segeln" gehen rund 30 Jugendliche auf eine siebenmonatige Reise.
Normaler Unterrichtsstoff kommt auf der Thor Heyerdahl nicht zu kurz, ist aber zweitrangig. "Es gibt Wichtigeres", sagt Soitzek. Teamgeist, Toleranz, Sorgfalt und Disziplin - an Land oft leere Begriffe -bekommen plötzlich Bedeutung. Alleine ist man auf einem Segelschiff verraten und verkauft. Auslaufen und ankommen kann man nur im Team. "Es ist jedes Mal erstaunlich, wie Kinder zu Seeleuten werden." Gedankenverloren blättert Detlef Soitzek in alten Fotos.

Alle müssen ran: Die Jugendlichen machen die Arbeiten auf dem Schiff selbst - auch Segelsetzen in luftiger Höhe.
Jugendliche übernehmen
das Kommando
Auf den Langstrecken übernehmen die Jugendlichen das Kommando. Sie wählen ihren Kapitän, der das Schiff zehn Tage führt. "Navigation, Segeln, Seemannschaft. Wo sonst haben Jugendliche die Möglichkeit, Leitungsfunktionen zu übernehmen, sich als Führungskraft zu behaupten?", fragt Kapitän Soitzek. Er und die Stammbesatzung halten sich zurück, greifen nur im Notfall ein. Passiert ist in all den Jahren auf der Thor Heyerdahl nie etwas Ernstes.
Eine Mannschaft, die hart arbeitet, muss auch feiern. Deshalb gehört das Manöver "Besanschot an!" unbedingt zur Bordroutine. Im Gegensatz zu früher ist Rum auf der Thor Heyerdahl verboten. Außer am Samstag, wenn sich die Mannschaft auf dem Achterdeck trifft und es heißt: "Besanschot an". Der Bootsmann geht reihum und gibt jedem einen Schluck Rum. Danach wird gegessen. Essen hält Leib und Seele zusammen. Manchmal jedoch nicht. Die Jugendlichen wechseln sich mit Kochen und Abwaschen ab. "Einige sind als Koch eine Katastrophe", der Kapitän rauft sich die Haare. Um die Stimmung zu retten, spendiert er nach dem Essen eine Runde Schokolade. Das funktioniert immer.

Ein Kapitän braucht ein Schiff
Soitzek lässt den Blick schweifen, knibbelt an seinem Sweatshirt. Es ist nicht sein Ding, im Büro zu sitzen und zu reden, vor allem nicht über sich selbst. Draußen liegt die Thor Heyerdahl. Proviant und Getränkekisten stapeln sich auf dem Kai. Die Besatzung schleppt, verstaut, wuselt und werkelt. Sie machen das Schiff startklar. Ein Schiff gehört auf See und nicht in den Hafen. Genau wie sein Kapitän. Dieses Jahr wird die Thor Heyerdahl die Windjammerparade anführen. "Darauf sind wir mächtig stolz", sagt Soitzek und verschwindet auf sein Schiff.
Die Thor Heyerdahl
Nation: Deutschland
Heimathafen: Kiel
Baujahr:1930
Gesamtlänge: 49,83 Meter
Breite: 6,52 Meter
Masthöhe: 29 Meter
Tiefgang: 2,95 Meter
Segelfläche: 830 Quadratmeter
Mehr Informationen:
www.thor-heyerdahl.de
Text und Foto oben: Silke Haas
Fotos mitte und unten: Thor Heyerdahl. e.V.