Ein Orchester, eine Opernsängerin, ein Mundharmonikaspieler und eine Popband können nicht zusammen auf eine Bühne? Das Classic Open Air auf dem Rathausplatz bewies mit Leichtigkeit das Gegenteil.

Sie hatten sichtlich Freude an diesem Abend: Die Kieler
Mezzosopranistin Amira Elmadfa, Karat-Sänger Claudius Dreilich und
Generalmusikdirektor Georg Fritzsch (v. l.) mit dem
Philharmonischen Orchester Kiel
Wie bringt man den Rathausplatz zum Brodeln? „Mit der Siegesfeier des THW", begann Moderator Christian Schröder gut gelaunt, und setzte gleich einen drauf: „Mit dem Classic Open Air." Tosender Applaus antwortete ihm. Rund 10.000 Menschen waren gekommen, um der eigenwilligen Mischung aus Rock, Pop und Klassik nach dem Motto „Rock meets Classic" zu lauschen.

Die Mischung macht's

Akkurat frisierte Haare und Zottel-Look. Abendkleid und Knautschjackett. Geige und Mundharmonika. Opernstimme und Popgesang. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Seit elf Jahren beweist der Verein zur Förderung der Kieler Woche ein überaus glückliches Händchen mit der Wahl der Künstler und ihrer Stücke. Kurz gesagt: ein musikalisches Kaleidoskop aus Kraft, Esprit und Lust am Spiel. „Unglaublich, welchen Wumm so ein Orchester hat. Fantastisch", sagte ein Zuschauer bewundernd, der wegen Karat gekommen war. Das Orchester zeigte, dass es im Pop genauso zu Hause war wie in der Klassik und in der Filmmusik.
Mundharmonikakünstler Marc Breitfelder begeisterte das Publikum mit dem Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod". Seine Version endete nicht tödlich, ging aber unter die Haut. Genauso wie Amira Elmadfas Interpretation von „Goldfinger" den Zuhörern eiskalte Schauer über die Rücken jagte.

Sieben Brücken, die begeistern
Dann kam Karat mit einem großen Programm. Und endlich spielten sie ihn, den so sehnlich erwarteten Klassiker: „Über sieben Brücken musst du gehen." Ein kollektiver Seufzer der Erinnerung und Begeisterung aus tausenden Kehlen. Hände mit und ohne Feuerzeug reckten sich nach oben und wiegten sich im Takt. Alle sangen mit. Auch Generalmusikdirektor Georg Fritzsch war ergriffen, verzichtete auf straffes Dirigieren und überließ den Musikern den freien Fluß der Töne. Im schwindenden Abendlicht zogen Heißluftballone lautlos über die Köpfe. Die letzten Takte klangen aus. „Brücke, Brücke", skandierten hingerissene Zuhörer. Aber nicht nur sie wollten mehr. Ein Blick zwischen Fritzsch und Karat-Sänger Claudius Dreillich genügte. Auf einem gewaltigen Klangteppich sangen sich Tausende gemeinsam zum hellen Schein.
Foto oben: Thomas Eisenkrätzer
Text und Fotos: Silke Haas