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Kieler Woche  16. - 24. Juni 2012
Freistaat der Liebe und des Kuschelns

Den lustvollen Abend mit Gustav Peter Wöhler verdankt die Kieler Woche im Grunde einem Religionslehrer aus Herford. Ohne den wären Deutschlands Bühnen wohl um ein Multitalent ärmer.

 

 

Es gibt eigentlich keinen Grund, dem Religionslehrer Dieter Meyer aus Bünde bei Herford zu danken. Wäre da nicht Gustav Peter Wöhler. Ohne besagten Herrn aus der westfälischen Provinz würde Gustav Peter Wöhler nicht auf der Freilichtbühne der Krusenkoppel stehen. Er würde wahrscheinlich Kindern pädagogisch wertvolles Spielzeug schmackhaft machen, schwer erziehbare Jugendliche von der Straße holen oder andere soziale Arbeiten verrichten.


„Ich rufe einen Freistaat der Liebe und des Kuschelns aus", kräht Wöhler in das Rund, der Schalk blitzt aus seinen hellblauen Augen. „Jeder schnappt sich seinen Nächsten", schlägt er vor und intoniert: „To make you feel my love" von Bob Dylan. Viele Arme greifen ineinander.
 

Wöhler wollte eigentlich Sozialpädagogik studieren. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, es sei denn, man ist mit einem göttlichen Talent ausgestattet wie er. Sein Religionslehrer erkannte es und brachte ihn auf den richtigen Weg - die Schauspielschule. Dem Religionslehrer sei Dank!
 

 

Gustav Peter Wöhler und Bassist Olaf Casimir beim Konzert "Gewaltig leise"
            Manchmal macht Wöhler (re.)
einen auf schüchtern: „Kann ich das
auch?" „Klar!", meint Bassist
Olaf Casimir.

Die Frauen lieben ihn. Die Männer auch.

Dort setzte Wöhler sich durch. Vor allem gegen sich selbst. „Ich war klein, dick und schwul", erzählt Wöhler zu Konzertbeginn. „Wie sollte ich gegen die Sascha Hehns ankommen? Alle fanden mich komisch, auch wenn ich ernst war", kokettiert Wöhler und wackelt mit dem Hintern. Es war Theater-Urgestein Peter Zadek, der ihm seine Minderwertigkeitskomplexe ausgetrieben und aus dem kleinen, korpulenten und chronisch unterschätzten Kauz einen genialen Entertainer gemacht hat.  

 

Nein, ein Schönling ist er nicht. Klein, mit Schwabbelbauch und schwul ist er immer noch, die Haare schütter, der Anzug stramm und das Hemd verschwitzt. Macht nix. Sexy ist er irgendwie trotzdem. Die Frauen lieben ihn. Die Männer auch.

 

„Danke an Dieter Meyer", skandiert er und singt für ihn: „Son of a Preacher Man" von Dusty Springfield. Vorher reißt er sich sein Jackett vom Leib. Die Zuschauer johlen, Wöhler grinst. Der Mann weiß genau, wie er sie kriegt. Seine Leidenschaft für das was er tut, ist mit Händen zu greifen. Lasziv lässt er sein Becken am Flügel kreisen, reckt sich rückwärts und flirtet mit seinem Bassisten Olaf Casimir. Plötzlich Unruhe, Klatschen, verhaltener Jubel. Stille Post macht die Runde: „eins - null." Gegen König Fußball scheint auch ein Wöhler machtlos. „Häh? Eins zu null?", fragt er. „Für wen? Für uns, die anderen? Dat is mir sowas von scheißegal". Er macht eine Pirouette, schüttelt sich, rupft sein Hemd aus der Hose. Und Fußball ist vergessen.