Das Wetter. Es wie beim Fußball: Jeder lässt sich darüber aus. Wirklich Ahnung hat kaum einer. Meteorologe Meeno Schrader weiß, wovon er spricht, auch, wenn er manchmal knapp daneben liegt.

“Wetterfrosch der Kieler Woche” wird Dr. Meeno Schrader gerne genannt. Ein hinkender Vergleich. Frösche sind grün, dick und behäbig, quaken zu Unzeiten Unverständliches. Schrader ist braungebrannt, durchtrainiert und steht ständig unter Strom. Er redet zu festen Zeiten, jeden Morgen um viertel vor neun - Wetterbriefing für die Regattasegler in Schilksee: Böenpotentiale, Dreher, Seewind, Landwind, Cirren und Cumuli.
Schweinewetterlage. Für Laien mag sich das ebenso fremd anhören wie Froschquaken. Segler lauschen jedem Wort wie einer Offenbarung. Wann weht wie der Wind? Davon hängt für sie alles ab: Großes Segel, kleines Segel? Reff oder Spinnaker? Sieg oder Niederlage.
Schrader weiß, was Segler wollen und wie sie ticken, er kommt selbst aus dem Regattasport. Dieses Jahr ist er zum ersten Mal für die offizielle Wettervorhersage der Kieler Woche verantwortlich. “Beraten habe ich einzelne Segler auch in den Jahren davor”, erzählt der Meteorologe. “Aber für alle die Wettervorhersage zu machen, ist schon etwas anderes. Wir haben ein super Team”, sagt er und springt auf, spurtet ans Fenster und schaut in den Himmel. “Ich muss rausgucken, überprüfen, was ich vorhergesagt habe, sonst werde ich nervös”, erklärt er und setzt sich wieder hin.
Rausgehen, fühlen, schauen
Übers Wetter reden alle. Ist ja auch ganz einfach. Man blickt aus dem Fenster: Entweder die Sonne scheint oder nicht. Es ist kalt oder warm, regnet oder ist trocken. Für die Entscheidung, was ziehe ich heute an, reicht das meistens auch. “Wetterbeobachtung”, nennt Meeno Schrader das. Aber wie macht er nun das Wetter? „Was ein Quatsch”, wehrt er ab. “Ich mache kein Wetter, ich mache Wettervorhersagen“. Ein kompliziertes Geschäft, denn Wetter ist ein hochkomplexes, mitunter auch chaotisches System. “Wir arbeiten natürlich mit Computern, die unterschiedliche Modelle erstellen”, erzählt der Meteorologe. “Aber das reicht nicht”, sagt er eindringlich und rennt wieder zum Fenster. Hinzu kommen jahrelange Erfahrungen und - er zeigt auf die Wolken - das Beobachten. “Man muss rausgehen, fühlen, schauen, das Wetter mit allen Sinnen aufnehmen.” Meeno kräuselt die Nase und saugt die Luft an. Nur im stillen Kämmerlein kann man keine Wettervorhersage machen. “Ha!”, bricht es plötzlich aus ihm heraus. “Endlich, der Wind schmiert ab. Das macht mich glücklich”, seufzt er lächelnd. Die bunten Banner hängen schlaff in der Sonne. Am Morgen hatte er gesagt, der Wind schläft gegen Mittag ein. Nun ist es fast zwei.
Manchmal bringt Danebenliegen Glück
„Danke, Meeno!“, Wettfahrtleiter Jobst Richter stürmt auf den Wetterverantwortlichen zu und umarmt ihn. „Du lagst daneben, zum Glück!“ Der nimmt die Glückwünsche gequält entgegen. Gut eine Stunde länger als vorhergesagt, hat der Wind durchgehalten. “Schweinewetterlage”, flucht Meeno leise vor sich hin. Das kratzt an seinem Ego, er ist Perfektionist. “Den Seglern gönne ich natürlich, dass sie bei gutem Wind ihre Wettfahrten beenden konnten. Aber als Meteorologe ärgert mich das”, er zuckt mit den Schultern. “Die Wetterlage ist sehr schwierig, wir haben ein labiles System”, erklärt er.
Übrigens mit den Fröschen, die im Glas sitzen und bei gutem Wetter eine Leiter hinaufklettern, hat Meeno nichts am Hut. “Irgendwie spüren die wohl den Luftdruck”, denkt er laut. Doch wie das biologisch genau funktioniert, weiß er nicht. Er merkt nicht, wenn der Luftdruck sich ändert. Er klettert auch keine Leitern hoch und quakt nicht. Er macht seine Wettervorhersage wieder pünktlich um viertel vor neun, so wie jeden Morgen während der Kieler Woche.
Text und Fotos: Silke Haas