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Kieler Woche  19. - 27. Juni 2010
Pressemeldung

Schon der Kaiser startete in Kiel zur Nordlandreise

11.06.2010
0397/11. Juni 2010/Dr-ang
 
Deutsch-norwegisches Ausstellungsprojekt zum Norwegentourismus
 
Die einzigartige Landschaft Norwegens begeistert Touristen seit über 150 Jahren. Unter dem Titel „Nordlandreise - die Geschichte einer touristischen Entdeckung" präsentiert das Kieler Stadt- und SchifffahrtsmuseumAuguste Vidtoria im Naeröfjord, 1900, von Themistokles von Eckenbrecher in einer großen kulturhistorischen Ausstellung (13. Juni bis 31. Oktober 2010) die spannende Geschichte der legendären Nordlandreisen. Mit 800 Ausstellungsstücken aus eigenen Beständen sowie von Leihgebern vom Nordkap bis zum niederländischen Doorn, mit dreisprachigen Ausstellungstexten und begleitet von einem zweisprachigen Katalog im mareverlag sowie der zweisprachigen Website www.nordlandreise.info, gehört diese aufwendige Schau zu den größten Projekten des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums.
 
Die Ausstellung im Schifffahrtsmuseum in der historischen Kieler Fischhalle, Wall 65, direkt am Kreuzfahrtterminal wird am Sonntag, 13. Juni, um 11.30 Uhr von Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig eröffnet. Außerdem spricht der Generalkonsul des Königreichs Norwegen in Hamburg, Morten Paulsen, der gemeinsam mit dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Oslo, Detlev Rünger, die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat. Professor Dr. Hasso Spode vom Historischen Archiv zum Tourismus der Freien Universität Berlin wird in die Ausstellung einführen. Die norwegische Sängerin Frøya Gildberg, am Klavier begleitet von Ana Miceva, singt Lieder von Edvard Grieg und Halfdan Kjerulf sowie traditionelle norwegische Volkslieder.
 
Zahlreiche Partner und Förderer aus Norwegen und Deutschland unterstützen das Projekt „Nordlandreise": Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Hurtigruten GmbH, Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein, Color Line, Förderkreis Kieler Schifffahrtsmuseum, Kieler Volksbank, Sartori & Berger, Willy-Brandt-Stiftung, IHK zu Kiel, Landesregierung Schleswig-Holstein, Norwegisches Generalkonsulat in Hamburg, Citti-Märkte GmbH.
 
Ein umfangreiches Programm begleitet die Ausstellung. Unter anderem wird am 18. Juli ein großes Nordlandfest gefeiert: mit norwegischen Speisen, Märchen und Kinderspielen sowie Edvard-Grieg-Liedern und einer Black-Metal-Band. Im Gewinnspiel zur Ausstellung winken als Hauptpreise Seereisen mit Hurtigruten und Color Line. Begleitend zur großen Ausstellung im Museum sind in der IHK zu Kiel Fotografien und Gemälde zu sehen.
 
In der Kieler Woche (19. bis 27. Juni) bietet das Museum täglich Führungen durch die Ausstellung an. Neben den sonntäglichen Führungen durch die gesamte Ausstellung (20. und 27. Juni, jeweils 11.30 Uhr) stehen von Montag, 21. Juni, bis Sonnabend, 26. Juni, täglich um 12 Uhr Kurzführungen auf dem Programm.
 
Nach dem Kieler Schifffahrtsmuseum sind das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven und das Norsk Sjøfartsmuseum in Oslo die nächsten Stationen der Ausstellung.
 
Das Museum feiert mit der Sonderausstellung gleichzeitig das 100-jährige Bestehen des Ausstellungsgebäudes, der historischen Fischhalle. Der Jubiläumstermin, die Einweihung der vom damaligen Stadtbaurat Georg Pauly errichteten Halle mit der ersten Fischauktion am 30. Oktober 1910, fällt mit der Finissage der „Nordlandreise" zusammen. Anlässlich des Jubiläums ist die Fischhalle auch ausstellungstechnisch verbessert worden, zum Beispiel mit einer neuen Brandmeldeanlage, mit neuem Stellwandsystem, mit Klimaanlagen und Kassenautomaten. Dies ist erst der Anfang einer umfassenden Modernisierung des Hauses, die nach dem Jubiläumsjahr erfolgen wird.
 
 
 
Mit dem Kieler Schifffahrtsmuseum auf "Nordlandreise"
 
Die aufwendigen Recherchen zur Ausstellung spürten diesen Fragen nach: Wie wurde der einst unwirtliche hohe Norden zum Sehnsuchtsland vieler Reisender und zu einer letztlich lukrativen touristischen Destination? Was war das Faszinierende an dem Land, welche Bilder machten Norwegen zum begehrten Reiseziel? Welche geistesgeschichtliche Haltung steckt hinter den Stereotypen von unberührter Natur und wie veränderten sie sich in den vergangenen knapp 200 Jahren? Nicht zuletzt geht es um die Frage, was die „Lustreisen zur See", wie die Kreuzfahrten früher hießen, bis heute so attraktiv macht.
 
 
 
Norwegen in der Landschaftsmalerei der Romantik (1830-1860)
 
Der bis dahin weitgehend unbekannte hohe Norden Europas rückte erstmals zur Zeit der Romantik in den Fokus, als eine kulturkritische Landschaftsästhetik die Schönheit der mächtigen unbelebten Natur entdeckte und mit ihr die Utopie einer von der menschlichen Zivilisation unberührten, authentischen Gegenwelt verband. Waren es zunächst die Schweizer Alpen, die die Künstler fasziniert hatten, so fand man bald in der norwegischen Berg- und Fjordwelt beeindruckende Kulissen, deren bildnerische Wiedergabe eben diese Übermacht der Natur verdeutlicht. Kraftvolle Landschaftspanoramen deutscher und norwegischer Maler voller Dramatik - von Sophus Jacobsen, Wilhelm Schiertz oder Peder Balke - oder im eher lieblichen Duktus - von Johan Christian Dahl, Christian Morgenstern oder Knut Baade - repräsentieren in der Ausstellung die Epoche der Landschaftsentdeckung, die zugleich den Beginn des Fremdenverkehrs kennzeichnet.
 
 
 
Die Anfänge des deutschen Norwegentourismus (1830-1870)
 
Erste Reisende wurden von den Bildern dieser grandiosen Natur angelockt. Den touristischen Service betreffend, gaben sie sich höchst anspruchslos, denn weder die Reisewege noch die Unterkünfte in Norwegen entsprachen dem gewohnten europäischen StanReisende der Hapag erleben die Fjorde, 1900dard. Von 1847 an gab es eine erste regelmäßige Schiffslinie zwischen Kiel, Kopenhagen und Christiania, dem damaligen Oslo, wie das Modell des Raddampfers „Nordcap" in der Ausstellung belegt.
 
 
 
Die Reisen Wilhelms II. nach Norwegen (1889-1914)
 
Es war der seefahrtsbegeisterte Kaiser Wilhelm II., der die Nordlandreise mit dem Schiff entlang der norwegischen Küste in Deutschland populär machte und für viele Jahre die Wahrnehmung des Nordens prägte. Getrieben von irrationalen Vorstellungen einer nordischen Mythenwelt und gleichermaßen von der Faszination der großartigen Landschaft, begab sich der „Reisekaiser" alljährlich mit seiner Yacht „Hohenzollern" von Kiel aus auf Nordlandfahrt. Von 1889 bis 1914 war Wilhelm II. dreimal in Schweden und 23 Mal in Norwegen. Ihn begleitete eine illustre Entourage, darunter Künstler wie die Marinemaler Carl Saltzmann, Willy Stöwer oder Hans Bohrdt, die die Nordlandfahrten mit Stift und Pinsel festhielten.
 
Die künstlerisch eher konservativen Bilder fanden vielfach als Druckvorlagen für Buch- und Zeitschriftenillustrationen Verwendung und machten auf diese Weise auch die Nordlandfahrten des Kaisers und seine Reiseziele in Norwegen einem breiten Publikum bekannt. Die in der Ausstellung gezeigten Bilder der Maler stammen unter anderem aus dem persönlichen Nachlass des Kaisers, wie auch andere Erinnerungsstücke, die das Museum Huis Doorn im niederländischen Doorn, dem Exilort des Monarchen, als Leihgaben zur Verfügung gestellt hat. Darunter sind auch prachtvolle Fotoalben, die den Monarchen bei Ausflügen und an Bord seines Schiffes zeigen.
 
Wilhelm II. hinterließ Spuren in seinem Reiseland: Nach seinen Vorstellungen von der nordischen Mythologie ließ er teils riesige Bronzeskulpturen, etwa von der Sagengestalt Fridjof, hoch über den Fjorden errichten. Im Miniaturformat findet sich diese von Max Unger entworfene Plastik unter den kaiserlichen Erinnerungsstücken in der Ausstellung.
 
Die Nordlandbegeisterung des Kaisers führte zu meereszoologischen Proben, die von Bord der „Hohenzollern" aus den norwegischen Fjorden entnommen wurden. Die riesigen Seesterne, Krabben oder Fische übergab Wilhelm II. später dem Zoologischen Museum der Kieler Universität. Dort gehören sie noch heute zum Sammlungsfundus und sind als Leihgaben in der Ausstellung zu bewundern. Den Monarchen an Bord eines Walfangschiffes vor den Lofoten zeigt das großformatige Gemälde Carl Saltzmanns, das der Kieler Yacht-Club zur Verfügung stellt.
 
 
 
Die Malerfreundschaft von Wilhelm II. und Hans Dahl (1904-1914)Kaiser Wilhelm II. (links) und sein Freund, der Maler Hans Dahl
 
Wilhelms II. Neigung zur eher konservativen Kunstauffassung führte ihn von 1904 an regelmäßig mit dem norwegischen Maler Hans Dahl in Balestrand am Sognefjord zusammen. Dieser hatte in Düsseldorf studiert und malte vorwiegend sonnige Landschaftsbilder und süßlich-naive Genredarstellungen des ländlichen Lebens. Damit traf er den Geschmack des deutschen Kaisers, wie ein Beispiel aus dem Doorner Nachlass des Monarchen in der Ausstellung zeigt. Vielfach wurden die Bilder Dahls in illustrierten Zeitschriften abgedruckt und verbreiteten die Vorstellung einer heilen Welt in Norwegen. Der Tourismus in Balestrand, der sich nicht nur in Folge der Kaiserbesuche entwickelte, ließ den Ort aufblühen.
 
 
 
Touristensouvenirs (1890-1914)
 
Die Nationalbewegung in Norwegen und der Kampf um die Eigenständigkeit des Landes im 19. und frühen 20. Jahrhundert gingen einher mit der Stärkung einer landestypischen Volkskunst und einem traditionellen Kunstgewerbe wie Weberei und Holzschnitzerei. Auch das Tragen von Trachten galt als ein Zeichen nationaler Identität. Aus touristischer Sicht handelte es sich eher um hübsche Folklore, die man gern als Souvenir mit nach Hause nahm. So ließen sich handgewebte Teppiche oder Messer mit geschnitzten Holzgriffen in den Fremdenverkehrsorten gut verkaufen. Da die Touristen das Regionaltypische liebten, war die Tracht auch Arbeitskleidung des Servicepersonals in der Gastronomie, speziell in den internationalen Hotels etwa am Hardangerfjord. Auch in der Fremdenverkehrswerbung und auf Postkarten waren Trachten ein beliebtes Motiv.
 
 
 
Der Beginn der deutschen Nordlandkreuzfahrten seit 1980
 
Mit der Popularität des Nordens nahm auch die Reisetätigkeit zu. Neben der Landschaft war es zunächst der Kaiser selbst, der zur touristischen Attraktion wurde. Zahlreiche Broschüren und Reiseführer aus dem frühen 20. Jahrhundert belegen, dass die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe nicht nur die Ziele seiner Nordlandfahrten ansteuerten, sondern dass man den Monarchen auch persönlich treffen konnte. Er erlaubte seinen gut betuchten Landsleuten, die die Hauptklientel der Kreuzfahrtanbieter bildeten, die Kaiserliche Yacht zu besuchen.
 
Es waren zunächst die großen deutschen Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd, die Nordland- oder Polarfahrten von bis zu vier Wochen in die Fjorde und bis hinauf nach Spitzbergen anboten. Das aufstrebende Geschäft mit den „Lustreisen zur See" wurde vom Ersten Weltkrieg unterbrochen, aber schon Mitte der 1920er Jahre starteten deutsche Reiseanbieter wieder in die Fjorde.
 
Nach ersten Anfängen im Jahr 1923 engagierten sich die deutschen Reedereien 1925 wieder voll im Kreuzfahrtgeschäft nach Norwegen. Der erfolgreichste neue Anbieter war die Hamburg-Süd, die auch „preiswerte", „volkstümliche", Reisen anbot. Zu ihrer Flotte gehörten die beliebten „Monte"-Schiffe, die durch die Einrichtung von Schlafsälen doppelt so viele Gäste fassten wie die exklusiveren Hapag- und NDL-Dampfer: bis zu 1.500 Touristen. Für die meisten Deutschen war eine Nordlandreise jedoch weiterhin unerschwinglich. Der Trend zum Massentourismus zeichnete sich aber bereits ab.
 
 
 
Der Bordfotograf Richard Fleischhut
 
Eine besondere Attraktion in der Ausstellung sind die Aufnahmen des Bordfotografen Richard Fleischhut. Er war seit 1905 vom Norddeutschen Lloyd engagiert, um Porträts und Erinnerungsbilder für die Reisenden sowie Werbefotos für die Reederei zu machen. Seine erste Polarfahrt mit einem Kreuzfahrtschiff unternahm er 1914, als er brillante Fotos der kargen Landschaft nördlich des Polarkreises auf die Glasplatten bannte. Fleischhut dokumentierte mit seiner Kamera insbesondere in den 1920er Jahren das Leben auf den luxuriösen Schiffen sowie die verschiedenen Landausflüge der Passagiere und lieferte damit ein beredtes Zeugnis deutscher Kreuzfahrtgeschichte: Er zeigte nicht nur alle Stationen der Nordlandreisen, sondern auch das typischen Auftreten der Touristen in der Fremde. Fleischhuts Bilder schmückten die Werbebroschüren des NDL und sorgten dafür, dass die Nordlandreisen als eines der attraktivsten Angebote der Reederei weiterhin ihre Kundschaft fanden.
 
 
 
Die Werbeplakate der großen Reedereien
 
Die großen Reedereien engagierten in den 1920er und 30er Jahren für ihre Werbeabteilungen die renommiertesten deutschen Grafiker. Daher bildet die Plakatkunst jener Zeit einen ganz wesentlichen Schwerpunkt der Ausstellung: Ludwig Hohlwein, OttomProspekt für die Hurtigruten, 1932ar Anton oder Bernd Steiner arbeiteten für den Norddeutschen Lloyd, für die Hapag oder für Hamburg-Süd. Ihre Plakatmotive nahmen die Stereotype des touristischen Norwegenbildes auf und setzten sie werbewirksam um. In ihrer prägnanten Bildsprache konzentrierten sie sich auf farbintensive Darstellungen der Fjordlandschaft mit steil aufragenden Felswänden und glitzerndem Wasser im Licht der Mitternachtssonne, auf die polare Fauna mit Eisbären, Seevögeln oder Rentieren und auf die Menschen in ihrer landestypischen Kleidung. Ein besonders exotisches Motiv für die Plakatwerbung der Reedereien boten die Saami in ihrer bunten Tracht. Sie standen für ein fremdartiges Leben im äußersten Norden und schürten das Fernweh der potentiellen Kreuzfahrtkunden.
 
 
 
Die Saami als Touristenattraktion
 
Indigene Bevölkerungsgruppen gehören stets zu den besonderen touristischen Attraktionen. Das gilt auch für die Saami in Nordnorwegen. Es waren nomadische Rentierzüchter aus den Bergen, die im Sommer mit ihren Herden in die Weidegebiete an den Küsten kamen. Diese „Lappenlager" mit einfachen Zelten und Erdhütten etwa in der Nähe von Tromsö waren seit Anfang des 20. Jahrhunderts beliebte Ausflugsziele der städtischen Bürger, gelockt vom Reiz einer exotischen, fast archaischen Lebenswelt jenseits ihrer Zivilisation. Auch auf Völkerschauen in den europäischen Großstädten ließen sich die Saami mit ihren Rentieren bestaunen. In ihrer norwegischen Heimat bot ihnen der Verkauf von einfachen kunstgewerblichen Souvenirs an die Touristen eine gute Verdienstmöglichkeit.
 
 
 
Norwegen-Kreuzfahrten des NS-Regimes
 
Die Entwicklung zum Massentourismus vollzogen die Nationalsozialisten mit den Programmen der Freizeitorganisation „Kraft durch Freude". Ihre kurzen Sommer-Kreuzfahrten in die norwegischen Fjorde waren die preiswerte Alternative zu den klassischen Kreuzfahrten. Die staatliche Förderung des Angebots zielte darauf ab, die „Volksgenossen" durch einige zusätzliche Urlaubstage für das neue Regime zu vereinnahmen. Die Fahrten mit der „Kdf-Flotte" wurden zu einem großen Propaganda-Erfolg. Die Seereisen machten zwar nur einen Bruchteil der KdF-Angebote aus, und trotz anders lautender Ankündigungen war der Anteil der Arbeiter unter den Reisenden sehr gering. Trotzdem schien eine ehemals großbürgerliche Reiseform nun für alle in greifbare Nähe gerückt. Der Slogan lautete: „Auch Du kannst jetzt reisen!" KdF war NS-Massentourismus. Entsprechend voll waren die Schiffe, und entsprechend durchgeplant und unumgänglich war das Freizeitprogramm an Bord. Kontakte mit den Norwegern, dem „arischen Brudervolk" gab es für KdF-Reisende kaum; Landgänge waren nicht vorgesehen. Die Ausstellung zeigt bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen vom Leben an Bord der „Wilhelm Gustloff" oder anderer KdF-Schiffe; als wichtiges Utensil dieser Reiseform werden Original-Decksliegestühle präsentiert.
 
 
 
Die Besetzung Norwegens (1940-1945)
 
Am 9. April 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht das neutrale Norwegen. Von der Kapitulation am 10. Juni 1940 bis Kriegsende blieb das Land besetzt. Bis zu 400.000 Soldaten waren hier gleichzeitig stationiert. Die deutsche Führung baute das Land aus militärstrategischen Gründen zur „Festung Norwegen" aus. Die Bevölkerung litt unter Rationierungen und den Terrormaßnahmen der deutschen Besatzer gegen spontanen und organisierten Widerstand. Es gab in Norwegen Konzentrationslager, viele Gefangene wurden deportiert und ermordet.
 
Doch die meisten der vielen deutschen Besatzungssoldaten, die während des Zweiten Weltkriegs in Norwegen stationiert waren, erlebten kaum Kampfeinsätze. Vielmehr zeigte der Besatzungsalltag teilweise Handlungsmuster eines Auslandsurlaubs: Man besichtigte Sehenswürdigkeiten und unternahm Ausflüge in die Umgebung; Briefe und Postkarten, Fotos und Souvenirs der oft jungen Männer erzählten von ihrer Begeisterung für ein „schönes Land mit freundlichen Bewohnern".
 
Die Ausstellungseinheit zu diesem Thema erarbeitete die Kunsthistorikerin Petra Bopp, die bereits die Ausstellung „Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg" für das Historische Museum Frankfurt kuratierte. Sie konzipierte für das Kieler Schifffahrtsmuseum ein Kabinett mit einem Fries von kleinformatigen Fotos aus einem privaten Album, in dem sich norwegische Landschaftsmotive und Bilder aus dem militärischen Alltag abwechseln.
 
Als sich die Wehrmacht ab Ende 1944 vor der sowjetischen Armee in Nordnorwegen zurückzog, legte sie ganze Landstriche in Schutt und Asche. Von nun an belastete ein Trauma die deutsch-norwegischen Beziehungen, die sich erst in den 1960er Jahren wieder besserten.
 
 
 
Reisen nach Norwegen nach 1945
 
Speziell in Kiel bemühte man sich um neue Kontakte nach Skandinavien. Der norwegische Reeder Anders Jahre richtete daraufhin 1961 mit der „Kronprins Harald" eine Linie Kiel-Oslo ein, und seit 1966 begann mit dem Seit 1961 pendeln Fähren zwischen Kiel und Oslo.Schwesterschiff „Prinsesse Ragnhild" im Wechsel der tägliche Fährverkehr. Die Schiffe beförderten Personen, PKW und LKW, aber auch Verkaufs-PKW der deutschen Autoindustrie nach Skandinavien. Heute betreibt die Color Line auf der Strecke zwei komfortable Großfähren für bis zu 3.000 Passagiere. Für die Fördestadt Kiel mit ihrem bedeutenden Kreuzfahrthafen ist der Passagierschiffsverkehr in den Norden ein essentieller Wirtschaftsfaktor.
 
Eine weitere wichtige Größe im Norwegentourismus bleibt in der Ausstellung nicht unerwähnt: Die Hurtigruten, die seit 1893 regelmäßig an der über 2000 Kilometer langen Westküste Norwegens eine Post-, Fracht- und Passagierlinie unterhält. Die zuverlässige Fahrt durch Fjorde und Schären - auch in der Polarnacht - war eine nautische Meisterleistung. Mit staatlicher Unterstützung und der Beteiligung weiterer norwegischer Reedereien wurde bald täglich die Strecke zwischen Bergen und Kirkenes bedient. Die Verbindung wurde zur Lebensader der langen norwegischen Küste, zur „Reichsstraße Nr. 1". Auch als man im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht nur die norwegischen Landwege, sondern auch das Flugnetz ausbaute, blieb die Linie der Hurtigruten erhalten. Die Reedereivereinigung stieg ins Kreuzfahrtgeschäft ein. Aus der Fahrt auf der „Reichsstraße" wurde die „schönste Seereise der Welt", die vor allem von deutschen Gästen genutzt wird. Viele Exponate zu dieser Entwicklung haben norwegische Leihgeber wie das Schifffahrtsmuseum Bergen oder das Hurtigrutenmuseum in Stokmarknes zur Verfügung gestellt.
 
Dennoch hat sich das Reiseangebot in Norwegen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer mehr differenziert: Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich allmählich ein Individualtourismus etwa für Camping- und Autoreisende, und in den 1970er Jahren suchten Mutige das „alternative" Skandinavien-Abenteuer im VW-Bus. Bald fuhren komfortable Großraum-Caravans auf der inzwischen ausgebauten Strecke bis zum Nordkap, dem immer noch ultimativen Reiseziel. Heute hat Norwegen unter Touristen das Image eines modernen Outdoor-Paradieses für Wanderer, Skiläufer oder Angelfreunde, die in wetterfester Ausrüstung - made in Norway - dem Alltagsstress entfliehen wollen.
 
 
 
Besondere Ausstellungsstücke
 
In der Ausstellung sind erstmalig zahlreiche Leihgaben aus Norwegen zu sehen. Dazu gehören eine Hardangertracht vom Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Folkemuseum Oslo und eine Saami-Tracht nebst Nordkap-Souvenirs vom Nordkap-Museum Honningsvag. Präsentiert werden ein Film zur Geschichte der Hurtigruten aus dem Hurtigrutenmuseum Stokmarknes / Vesterallen mit historischen Aufnahmen der 1920er Jahre sowie ein Film von den Besuchen des Kaisers in Balestrand aus dem Staatsarchiv Oslo, ergänzt um einige Szenen aus norwegischem Privatbesitz, der erstmals präsentiert wird. Aus dem Museum Huis Doorn im niederländischen Doorn sind Gemälde, Souvenirs und Fotoalben aus dem kaiserlichen Privatbesitz zu sehen. Das neue Museum Kunst der Westküste in Wyk auf Föhr steuerte vier Landschaftsgemälde der Romantiker bei.
 
Das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum ergänzte seinen Sammlungsbestand eigens zur Ausstellung um ein Schiffsmodell der „Nordcap", das Gemälde von Hans Bohrdt „Yacht ‚Hohenzollern’ in norwegischem Fjord" von 1911 sowie ein herausragendes Werbeplakat von Ludwig Hohlwein von 1931. Diese Stücke sind zum ersten Mal zu sehen. Das Kaiserpanorama, bei den Besuchern des Schifffahrtsmuseums eines der beliebtesten Ausstellungsstücke, wurde mit neuen Stereoskopbildern bestückt, die Norwegen um 1900 zeigen. Für die Hand des Besuchers wurdet das Fotoalbum „Nordlandfahrten", das die Hamburg-Amerika-Linie 1906 herausgab, reproduziert.
 
 
 
Katalog zur „Nordlandreise" aus dem mareverlag
 
Begleitend zur Ausstellung ist im mareverlag (Hamburg) der Band „Nordlandreise. Die Geschichte einer touristischen Entdeckung" erschienen; herausgegeben von Sonja Kinzler und Doris Tillmann, 246 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Preis: 29,80 Euro (Deutsch mit norwegischen Zusammenfassungen)
 
 
 
IHK zu Kiel zeigt Fotos und Gemälde zum Thema „Nordlandreise"
 
In Kooperation mit dem Stadt- und Schifffahrtsmuseum zeigt die Industrie- und Handelskammer zu Kiel begleitend die Ausstellung „Auf Nordlandreise. Fotografien von Richard Fleischhut und Gemälde von Robert Schmidt-Laboe der 1920er Jahre" (Eröffnung Mittwoch, 16. Juni, 18 Uhr, Laufzeit: bis 2. September). Die Merkur-Galerie der IHK zu Kiel, Bergstraße 2, ist montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr sowie freitags von 8 bis 15.30 Uhr geöffnet.
 
 
 
 
 
Landeshauptstadt Kiel
 
Kieler Schifffahrtsmuseum, Wall 65, Telefon 0431/901-3428, www.kiel.de/kultur
 
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr; Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 1 Euro
 
Öffentliche Führungen sonntags 11.30 Uhr, Gruppenführungen nach Vereinbarung unter Telefon 0431/901-3428
 
 
 
Nordlandreise
 
Die Geschichte einer touristischen Entdeckung
 
13. Juni bis 31. Oktober 2010
 
Eröffnung: Sonntag, 13. Juni, 11.30 Uhr
 
Internetseite: www.nordlandreise.info
 
Sonderführungen während der Kieler Woche (19. bis 27. Juni)
 
Während der Kieler Woche lädt das Schifffahrtsmuseum werktags um 12 Uhr zu Kurzführungen und sonntags zu „Langführungen" durch die Ausstellung ein:
 
Sonntag, 20. und 27. Juni, jeweils 11.30 Uhr:
 
Führung durch die gesamte Ausstellung (Führung 1 Euro)
 
Montag, 21. Juni, bis Sonnabend, 26. Juni, jeweils 12 Uhr
 
Mittags-Kurzführungen zu wechselnden Themen (Führung kostenfrei)
 
 
 
Begleitprogramm zur Ausstellung:
 
Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Filmen, Lesungen, Vorträgen und Musik im September und Oktober sowie ein Nordlandfest am 18. Juli machen Lust auf den Norden.
 
Sonntag, 18. Juli, 11 bis 17 Uhr
 
Nordlandfest: En smakebit fra Norge - ein Häppchen Norwegen
 
Mit der Black-Metal-Band „Mistur", Volksliedern und Edvard-Grieg-Liedern, gesungen von der Opern- und Liedsängerin Frøya Gildberg mit Ana Miceva am Klavier; mit Kinderbüchern der norwegischen Kinderbuchautorin Maria Parr; mit norwegischen Märchen, gelesen von Tom Keller; mit traditionellen norwegischen Kinderspielen; mit einem Crash-Kurs Norwegisch für Anfänger; mit einer Rallye und Kurzführungen durch die Ausstellung; mit Hurtigruten-Reiseinfos, mit norwegischen Speisen und Getränken von GRIMMs deli (Lachsrolle, Lammbällchen, Fischkuchen und mehr; Kaffee) und Siren Melzer mit norwegischen svele.
 
(Am Abend vor dem Nordlandfest)
 
Sonnabend, 17. Juli, 20 Uhr (Einlass), 21 Uhr (Beginn)
 
Konzert: Mistur
 
Support: Ctulu
 
Ort: Die Pumpe, Haßstraße 22, Saal, Telefon 0431/2007643
 
Eintritt: Vorverkauf 10 Euro, Abendkasse 12 Euro
 
Anlässlich der Ausstellung „Nordlandreise" im Schifffahrtsmuseum gibt die norwegische Black Metal Band Mistur ihr erstes Konzert in Norddeutschland. 2005 gegründet, mit Mitgliedern von Windir und Vreid im Gepäck, stehen Mistur nicht erst seit ihrem neuesten Album „Attende" (2009, Einheit Produktionen) für melodischen und nordisch kalten Black Metal - die Hoffnung in der jüngeren norwegischen Black-Metal-Szene!
 
 
 
Gewinnspiel zur Ausstellung
 
Das Kieler Schifffahrtsmuseum veranstaltet während der Ausstellung „Nordlandreise" erstmalig ein Gewinnspiel mit attraktiven Hauptpreisen, die von den Ausstellung-Sponsoren Hurtigruten und Color Line zur Verfügung gestellt wurden. Teilnehmen können alle Besucher der Ausstellung, wenn sie drei Fragen zur Ausstellung richtig beantworten und die Gewinnspielkarte in die Box im Schifffahrtsmuseum werfen.
 
Gewinne:
 
1. Preis: Eine Hurtigruten-Reise für zwei Personen (12-tägige Seereise Bergen - Kirkenes - Bergen inkl. Vollpension; Hin- und Rückflug ab einem deutschen Flughafen freier Wahl; Reisezeitraum vom 1.11. 2010 bis 31.3. 2011, ausgenommen 15.12 bis 31.12. 2010; Kabinen je nach Verfügbarkeit).
 
2. Preis: Eine zweieinhalbtägige Color Line Cruise Kiel-Oslo-Kiel mit MS Color Fantasy oder MS Color Magic ( *** 2-Bett-Kabine für 2 Personen inkl. Halbpension; eingeschränkte Reisetermine).
 
3. bis 5. Preis: je ein Ausstellungs-Begleitbuch „Nordlandreise" aus dem mareverlag.
 
 
 
Katalog
 
„Nordlandreise. Die Geschichte einer touristischen Entdeckung", mareverlag (29,80 Euro)
 
 
 
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